Die Texte der diesjährigen Wallfahrt werden nach dem Pfingstfest hier eingefügt.
Die Texte früherer Wallfahrten (ab 2009) sind im Rückblick nachzulesen.
Geistliches Wort bei der 182. Regensburger Diözesanfußwallfahrt 2011 von Pfr. Hannes Lorenz
„Erfüllt vom Heiligen Geist“ – wir alle
Liebe Pilger!
Wir erleben den zweiten Tag unserer Fußwallfahrt nach Altötting. Ich hoffe und wünsche euch, dass ihr alle gut unterwegs seid: dass euch die Füße noch gut voran bringen, ohne zu schmerzen; dass euer ganz persönlicher Akku noch voll Energie und Kraft ist, für die zweite Hälfte der Wegstrecke; dass eure Freude am Pilgern heute so richtig zum Durchbruch kommen darf. Denn am heutigen Tag plagen uns nicht die Mühen des Aufbrechens wie gestern, und wir müssen auch noch nichts organisieren für unsere Ankunft in Altötting. Wir haben also Zeit; heute läuft uns eigentlich nichts davon. Und das ist gut. Denn wer über sein Leben nachdenken will, wer seinen Glauben stärken und die Verbindung zu Gott vertiefen will, der braucht Zeit. Wer in Gedanken immer schon einen Schritt weiter ist, wird es nicht schaffen, sein Leben im Licht Gottes und der Frohen Botschaft verstehen zu lernen. Das aber macht uns Pilger aus: Auf dem Weg nach Altötting, aber auch auf unserem ganzen Lebensweg.
Ich wünsche euch also zu Beginn dieses geistlichen Worts erst einmal muntere Füße, die Frische des Morgens, die Freude des Pilgerns und ganz viel Zeit fürs Gebet. So werdet ihr erfahren dürfen, dass ihr mit jedem Schritt von Gott geführt und begleitet werdet und dass euer Herz mehr und mehr „erfüllt wird vom Heiligen Geist“.
Darum muss es uns nämlich gehen in diesen Tagen vor Pfingsten. Nicht ohne Grund haben wir als Leitwort für unsere Pilgertage gewählt: „Erfüllt vom Heiligen Geist“. Gestern hörten wir im Geistlichen Wort, wie das von Maria gilt. Ihr vertrauen wir unsere Bitten an, sie erwartet uns Morgen in Altötting. Sie ist es, die in den Tagen vor Pfingsten mit den Aposteln zusammen um die Kraft des Heiligen Geistes gebetet hat und uns darin ein Beispiel gibt, was auch wir in diesen Tagen zu tun und zu beten haben.
Denn die Kraft des Geistes Gottes, die brauchen auch wir so nötig wie die junge Kirche damals im Abendmahlssaal. Wir brauchen diese Kraft, um unser Leben zu gestalten. Oftmals ist unser Akku allzu leicht leer und jede Energie ist dahin: das gilt für das Miteinander in Ehe und Familie, aber ganz genauso für unser berufliches Arbeiten; das gilt aber auch für unseren Glauben, der manchmal weder munter, noch frisch, noch freudig ist. Wir brauchen die belebende Kraft des Heiligen Geistes, damit wir uns als Christen in unserer Zeit nicht allein vorkommen und nicht verstecken, damit wir nicht aufhören, unsere Gesellschaft und unsere Welt durch unser christliches Profil mit zu gestalten. Wie geistlos es da zugeht, erfahren wir täglich. Wir brauchen nur die Zeitung aufzuschlagen.
Auf unserem Weg nach Altötting begleitet uns daher ganz besonders die Bitte: “Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!“
„Wer also bittet: Komm heiliger Geist, muss auch bereit sein zu bitten: Komm, und störe mich, wo ich gestört werden muss!“, so sagt es ein Theologe (Wilhelm Stählin). Gerne lassen wir das aus dem Blick. Wir können nicht um den Heiligen Geist bitten und dann glauben, wir könnten ihn in unsere Gewohnheiten und Nachlässigkeiten einsperren wie eine Brieftaube. Wer vom Geist Gottes gepackt wird, für den gilt nicht länger: „Mach einfach weiter so, irgendwie wird’s schon gehen.“
Wer vom Geist erfüllt ist, der wird anfangen, sein Leben, sein Denken und Handeln zu hinterfragen: Bin ich auf dem richtigen Weg, der mir Sinn und Zukunft verheißt und mich nicht bloß mit Erfolg und Geld blendet? Er wird anfangen, diesen Weg entsprechend zu gestalten und konsequent zu gehen.
Wer vom Geist erfüllt ist, wird alle Kaltherzigkeit und Lieblosigkeit die er in seinem eigenen Leben entdeckt, anpacken und zu verändern suchen; der wird in gleicher Weise überall dort, wo es in unserer Gesellschaft eiskalt zugeht, sich einmischen und sich einbringen und zum Anwalt derer werden, die an den Rand gedrängt sind und Hilfe brauchen.
Wer vom Geist erfüllt ist, wird auch seinen Glauben leben und das nicht in der Versenkung verschwunden, sondern aktiv in seiner Pfarrgemeinde, im Miteinander und gleichzeitig glaubhaft und glaubwürdig für alle, die ihn auf seinen Glauben hin ansprechen.
Ich denke, ihr habt es gut herausgehört: Der Heilige Geist drängt uns, er lässt nicht einfach alles beim Alten, er rüttelt auf. Aber er schenkt auch die nötige Kraft und den nötigen Mut, die entscheidenden Schritte zu gehen. Wer um den Heiligen Geist bittet, muss auch bereit sein, dass sich etwas im Leben verändert. Starres aufbrechen, neu anfangen, sich auf etwas Ungewohntes einlassen – das ist ja grundsätzlich etwas Positives, auch wenn wir spüren, dass es uns ungemein fordert.
Manche von euch werden sagen: „Dieses Gerede vom Heiligen Geist verlangt viel zu viel von mir. Das brauch ich alles nicht. Entweder gibt Gott mir einen „zahmen“ Heiligen Geist, oder aber keinen. Den „stürmischen“ Geist des Pfingsttages kann ich nicht gebrauchen, da häng ich viel zu sehr an meinen Gewohnheiten.“ Wer so denkt, sei erinnert an das Wort des Apostel Paulus an seine Gemeinde in Korinth:
„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16)
Wir haben Gottes Geist längst empfangen, wir sind eigentlich schon erfüllt von ihm. In Taufe und Firmung hat er Wohnung genommen in unseren Herzen. Er will längst in uns und durch uns wirken. Vielleicht haben wir das noch nie so richtig begriffen: Immer wenn wir sagen „Komm heiliger Geist“, dann heißt das nicht: „Fall doch endlich auch auf uns in Feuerzungen herab, so dass wir dich sehen“, sondern es heißt: „Du Heiliger Geist in mir, zeig deine Kraft, treibe mich an, das zu tun, was du mir zeigst und dorthin zu gehen, wo du mich hinführst.“
Gottes Geist wohnt in uns, wir sind von ihm erfüllt – aber das Bild von der eingesperrten Brieftaube ist vielen Christen von heute sehr ähnlich.
Wie verändert sich die Gemeinschaft der Christen, wenn jeder einzelne von ihnen bereit wird, den Heiligen Geist atmen und wirken und brennen zu lassen? Es gibt kaum ein schöneres Bild dafür als das, das uns der Apostel Paulus beschreibt:
Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.
Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen. Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. (1 Kor 12,4-28)
Wo der Heilige Geist atmen, wirken und brennen darf, da entsteht eine lebendige Vielfalt, da dürfen Menschen ihre besonderen Fähigkeiten und Begabungen entdecken, die sie voneinander unterscheiden, aber die sie auch aufeinander verweisen. Das Großartige und Besondere, das jedem von uns geschenkt ist, hat keiner nur für sich und für seine eigene Freude. Es ist ihm geschenkt, damit er anderen damit nützt, sagt Paulus. Unsere Fähigkeiten und Begabungen machen uns füreinander verantwortlich, stellen uns in eine lebendige Gemeinschaft hinein, die füreinander da ist.
Oh, da hat der Heilige Geist noch einiges an Arbeit vor sich! Nicht dass es an Fähigkeiten und Begabungen mangelte, nein, was uns viel mehr fehlt ist, diese in eine lebendige Gemeinschaft einzubringen und anderen dadurch zu nützen.
Vielleicht ist das der größte Makel, den wir Christen in unserer Zeit haben: dass wir unsere Fähigkeiten zwar sehen und sie sogar noch in unserem Sinn einsetzen, aber so wenig bereit sind, anderen damit zu nützen. Das ist mit Sicherheit auch einer der Gründe, warum suchende Menschen sich von der Kirche und dem christlichen Glauben abwenden, weil sie spüren: in dieser Gemeinschaft der Glaubenden gibt es so wenig Miteinander, so wenig Füreinander. Da denkt jeder genauso nur an sich, wie man es im Rest der Gesellschaft auch erlebt. Also warum Christsein, warum einer Kirche angehören?
Selbstverständlich möchte ich an dieser Stelle all diejenigen nennen, die erfrischend anders sind. Jene, die sich gern in den Dienst der Gemeinschaft stellen, die helfen, wo sie nur können, und durch vielfältigste Begabungen ein lebendiges Miteinander schaffen, wenigstens im Kleinen, wenigstens in manchen Pfarreien, wenigstens in Verbänden und Vereinen. Ihr dürft sicher sein, dass euer Beispiel andere aufmerksam macht und anspricht – auch wenn ihr zwischendurch zu hören kriegt: So blöd wie der bin ich nicht! Euer Beispiel ist ein Beleg dafür, was Gottes Geist eigentlich mit uns vorhat. Auch wenn ihr zahlenmäßig immer weniger werdet, auch wenn es manchmal zum Verzweifeln ist, weil ihr wieder allein steht und wieder nur dieselben paar mithelfen – nicht ihr müsst umdenken und euch den anderen anpassen, im Gegenteil: ihr seid unsere einzige Chance, heute noch Außenstehende anzusprechen. Ich bitte euch von Herzen: Lasst den Heiligen Geist auch weiter in euch und durch euch arbeiten! Bringt euch mit euren Fähigkeiten ein, an dem Platz, an den Gott euch hingestellt hat! Bleibt Motor des Miteinanders und Beispiele des Füreinanders. Gottes Geist wird euch die nötige Kraft dazu geben.
Und ihr anderen, die ihr euch aus welchen Gründen auch immer zurückgezogen habt oder nur schwerlich mit anderen und für andere etwas tun könnt; ihr, die ihr jetzt vielleicht deutlich spürt: „Es wäre mir mehr möglich!“ Tut es, fangt an. Lasst Gottes Geist in euch wirken – ihr werdet staunen, was da noch alles in euch steckt. Denkt an das Wort, das der neue Selige, Kardinal John Henry Newman so auf den Punkt brachte: „Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist. Ich habe einen Platz in Gottes Plan und auf Gottes Erde, den kein anderer hat.“
Vielleicht werdet ihr jetzt sagen: „Der redt se wieda leicht am Mikrofon.“ Ich kenne ja auch die Schwierigkeiten, die es uns schwer machen, einfach so den Heiligen Geist in uns wirken zu lassen und das Unsere beizutragen zu einer lebendigen Gemeinschaft. Der eine trägt selber so viele Probleme mit sich rum, der andere ist eingespannt von früh bis spät, der dritte hat mit diesem und jenem schlechte Erfahrungen gemacht, so dass er kein Miteinander mehr braucht; andere sehen unsere Kirche als eine Gemeinschaft, die viele Fehler hat, die sich nicht bewegt und von ihrer Struktur her die Menschen und die Fragen von heute kaum mehr erreicht, und darum ist ihnen ein Miteinander nicht möglich. Noch viel mehr Gründe wären zu ergänzen, jeder von euch kann seinen eigenen noch anfügen.
Aber, aber, aber, tausend Gründe – und dann wundern wir uns, warum die Gemeinschaft der Gläubigen so behäbig ist? Ja, ich gebe gerne zu, dass unsere Kirche viele Fehler hat und dass manche mit Recht den Finger in offene Wunden legen. Aber vor Ort, wo Struktur und Hierarchie zweitrangig sind, wo der Glaube lebt, weil Menschen miteinander beten und füreinander da sind, da muss es doch zuerst um etwas anderes gehen.
Gerade dort spüren wir so oft das alte Problem, das jeder von euch kennt, der in irgendwelchen Gremien sitzt: „Man müsste dies oder das machen – aber mit mir könnt ihr da nicht rechnen.“ Diese Haltung sorgt für Resignation und Verzagtheit auf allen Seiten.
„Gott hat uns aber nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7) so steht es im Neuen Testament.
Wäre es nicht an der Zeit, die alten Argumente und die eigene Haltung aufzubrechen? Wäre nicht heute hier in dieser großen Gemeinschaft die Gelegenheit, den Heiligen Geist um die nötige Kraft zu bitten, anstelle des üblichen NEIN, ein entschiedenes JA zu sprechen? Jeder kann das nur für sich selbst entscheiden. Ich kann euch nur herzlich darum bitten.
Gott hat seinen Heiligen Geist uns allen gegeben und er braucht uns alle, nicht nur ein paar wenige, uns alle. Dann erst wird seine Gemeinschaft so, wie er sie sich vorstellt.
Vielleicht hilft euch für diese Entscheidung ein Wort des Hl. Ignatius, der sagt: „Die meisten Menschen ahnen nicht, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm zur Verfügung stellen würden.“
„Erfüllt vom Heiligen Geist“, dieses Wort über unserer Fußwallfahrt ist nicht nur fromm und nicht nur ein Hinweis auf Pfingsten, es soll Anstoß und Aufforderung zugleich sein. Lasst den Heiligen Geist, der in euch wohnt, wirken. Setzt das, was er euch möglich macht, füreinander ein. Und stellt euch dem Heiligen Geist zur Verfügung, damit eine lebendige Gemeinschaft der Glaubenden entsteht.
Was wäre geschehen, hätten die Apostel an jenem ersten Pfingsttag gesagt: „Ist schon recht, dass du da bist Heiliger Geist, aber wir gehen nicht hinaus, die Frohe Botschaft zu verkünden, das sollen andere machen?“ – Nichts. Das Evangelium wäre gar nicht erst geschrieben worden.
Was wäre denn geschehen, hätte Maria auf die Botschaft des Engels gesagt: „Ist schon schön, dass der Heilige Geist mich überschattet, aber weil das mein ganzes Leben verändern würde, darum soll Gott sich eine andere suchen!“ – Nichts. Wir wären völlig umsonst drei Tage lang unterwegs.
Weil sie uns aber gezeigt hat, dass Christus zu den Menschen kommt, wenn wir uns für seinen Geist öffnen und JA sagen, darum will sie uns auch Beispiel sein und Vorbild. Und wenn wir morgen den Kapellplatz erreichen und unser Blick auf Maria fällt, dann ruft sie jedem einzelnen von uns zu: „Ich bin erfüllt vom Heiligen Geist. Ich sage JA, dass er in mir wirkt. Und deswegen bin ich auch für dich da und werde Fürsprecherin sein in all deinen Anliegen.“
Wollen wir ihr dann wirklich antworten: „Ich bete ja auch um den Heiligen Geist, aber verändern darf er bei mir nichts“?
Liebe Pilger,
an diesem zweiten Pilgertag haben wir so richtig schön Zeit, unser Leben im Licht des Glaubens zu betrachten. Nützen wir diese Zeit doch auch, um eine Entscheidung zu treffen, ob wir den Heiligen Geist bloß besitzen oder auch wirken lassen wollen.